Westdeutsche Zeitung WZ, Düsseldorf, 2006, über Thyes Werkgespräch

Westdeutsche Zeitung WZ, Düsseldorf, 15. März 2006

Nationalflagge einmal anders

Werkschau mit Myriam Thyes in der Filmwerkstatt.

Düsseldorf. Querbalken hat sie, die deutsche Flagge, in Schwarz, Rot und Gold. Die Schweizer Flagge zeigt ein weißes Kreuz auf rotem Grund. Und die Verbindung von beiden? Was hält diese Länder zusammen, was macht ihre Beziehung aus? "Geld", sagt Myriam Thyes, "und der Rhein".

Und vielleicht noch das Skifahren. Diese Interpretation findet man dann auch in der Animation der Video-Künstlerin, in der sie die beiden Flaggen miteinander verschmelzen lässt. "Flaggen-Metamorphosen" nennt Thyes dieses Werk, das sie am Mittwochabend beim Werkgespräch in der Filmwerkstatt unter anderem vorstellen wird. Es ist ein offenes Projekt. Bislang sind es zehn Künstler, die sich ihr angeschlossen haben. Thyes Intention: die Bedeutung nationaler Symbole zu ergründen, sie zu "destabilisieren", zu hinterfragen und neu zu erschaffen. Jeder Künstler hat sich seine Länder ausgesucht, ein eigenes Drehbuch entwickelt und in einer Flash-Animation verarbeitet. "Ich möchte noch mehr Leute für dieses Projekt begeistern", seufzt Myriam Thyes, "am Ende sollen alle Länder der Welt beteiligt sein."

Die in Luxemburg geborene Künstlerin hat an der Düsseldorfer Kunstakademie Malerei und Videokunst studiert und ist seit 1993 auf internationalen Ausstellungen und Festivals vertreten. Seit 1999 arbeitet sie vorwiegend in den Bereichen Videokunst, Animation und digitale Bilder. Für ihren einminütigen Film "Ascension" erhielt sie im vergangenen Jahr den "depict"-Award beim Kurzfilmfestival in Bristol. Das Video zeigt den gläsernen Aufzug des New Yorker Luxushotels Marriott Marquis, der scheinbar direkt in den Himmel fährt. "Wir werden dazu erzogen, nach Höherem zu streben - nach Ehre, Erfolg, Reichtum oder geistlichen Weihen", heißt es in der Charakterisierung der Filmwerkstatt, "Ascension stellt dieses Streben und seine Ersatzbefriedigung kurz und ironisch dar."

In dem Werksgespräch stellt Thyes in rund 45 Minuten etwa acht verschiedene Werke vor, darunter auch eines, an dem sie aktuell arbeitet. "Ich wünsche mir, dass die Menschen ihren Kommentar abgeben zu meiner Arbeit, vielleicht Fragen stellen", sagt sie. "Und ich erhoffe mir einen Austausch."

 

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