Kunstverein Emmerich

Rede von Stefan Skowron zur Ausstellung von Myriam Thyes im Kunstverein Emmerich, Juli 2003

Beziehungsmuster? - Metamorphosen ! Denn so wie eine Form im Tanz in einer anderen aufgeht, sich körperlich in ihr verliert, birgt sie selbst in sich doch gleich etwas neues, ist sie eine Eizelle, aus der ein Wurm wird, der sich einschließt in einen Kokon, um als Schmetterling einen Tag lang den Blumen und der Sonne Konkurrenz zu machen. Wie ein Gedanke, der sich fortspinnt; wie eine Idee, aus der mit der Zeit eine überzeugung wird; wie ein Perpetuum mobile, das sich immer und immer wieder neu generiert...

Es ist das Wort Muster, das bei den Beziehungsmustern so irritierend wirkt. Weil es ein Festgefügtes voraussetzt, etwas Eineindeutiges, Wiedererkennbares, eine Kategorie, nach der man richtet; das etwas unter Tausenden anderen herausfinden hilft, ein Makel, ein Kainsmal ist, eine soziale, sittliche Schablone, ein unabänderliches. Doch hier meint Muster - vielleicht - zuerst einmal viel weniger. Die Dekoration, das Ornament, die Serife eines Buchstabens, die Verschönerung, etwas ästhetisches, leichtes, sinnliches. Tatsächlich sind die mustergleichen Zeichen, die da auf den fast quadratischen Bildgevierten prangen und in der Videoinstallation miteinander tanzen, mit nichts erdenschwerem, nichts ideologischem zu verbinden. Die Muster sind im Konnex gar nicht mehr so dominant, als würden sie einzeln vom Plateau prangen. Sie entsprechen jetzt mehr einem fliehenden Augenblick, der eine Erinnerung wach ruft, die gleich darauf durch eine andere Erinnerung, ausgelöst durch ein neues Muster, abgelöst wird. - Ja, auch in der Malerei, wo alles auf den ersten Blick so absolut scheint.

Sehen wir also die Bilder und die Videoinstallation als Einheit, als zwei Zustände desselben. Während die Malerei einen dieser metamorphosen Augenblicke gerinnen lässt, ihn einfriert, die Zeit in ihr stillsteht und uns so die ganze Komplexität des ineinander Verwobenen, miteinender in Beziehung stehenden in einem einzigen, von vielen verschiedenen Mustern durchsetzten Bild erklärt, präsentiert die Installation die ganze stete Veränderung durch die Zeit, einen Kreislauf, in dem die Muster, Zeichen und Symbole - auch Farben sind natürlich Symbole und bedeuten oder meinen etwas - einer fortwährenden Neubestimmung unterzogen werden. Ich sage nicht, was sie bedeuten, zähle nicht auf, wofür sie ge- und missbraucht wurden in der Vergangenheit. Der Betrachter wird die Elemente aus den Bildern und der Installation wiedererkennen; es ist eine Art von Urverständnis, das ihn dazu führt. Und wer von uns sehr viel Fantasie hat, könnte darauf kommen, dass sich auch dahinter dann vielleicht ein eigenes Symbol verbirgt, für die Entwicklung, für das Leben an sich.

Doch so weit will ich gar nicht gehen. Denn herausragend ist etwas anderes, ein, sagen wir, ästhetischer und hernach nicht ohne Grund auch philosophisch zu nennender Moment: Keines der in den Bildern oder in der Installation verwandten Symbole wird im Verlaufe des künstlerischen Prozesses zerstört! Es werden neue erfunden, das ja, und alte Symbole verlieren ihre Körperlichkeit, ihr Volumen, aber kein einziges wird zerstört. (...)

Thyes selbst schreibt: "Ich gehe davon aus, dass man überkommene Repräsentationen nicht erfolgreich ,unterlaufen' kann, ohne sie zu benutzen, weiter zu entwickeln und ihnen neue Repräsentationen entgegen zu setzen". Wohl gemerkt: nicht, indem man sie zerstört! Die Beziehung in den Beziehungsmustern meint also etwas anderes, meint unsere Beziehung zu etwas, was genuin in uns wohnt, als Erinnerungsmuster.

Vergleichen wir es mit der Sprache, die durchsetzt ist mit uns fremden Worten und Begriffen, die sie aufladen mit Bedeutungen, sie elektrisieren und uns oft erst in die Lage setzen, von dem Unaussprechlichen, dem Unsagbaren zu reden - von Gefühlen und den Seelenwelten in unserm Innern zum Beispiel. Genau so, meine ich, wechseln die Bilder und Symbole in der Malerei und der Video-Installation bei Myriam Thyes von einem ins andere. - Ich sage bewusst "uns fremden" Worten oder Symbolen. Ich meine damit nicht "falsche". Denn aus irgendeinem Grund anerkennen wir oder spüren wir, fühlen wir vielleicht auch nur, dass die von der Künstlerin benutzten, erwähnten Zeichen und Symbole nicht falsch sein können, es nicht sind. In ihrem Fremdsein sind sie uns seltsam vertraut.

Deshalb kommen uns die Figurationen der Malerei, die Farben und die klar umrissenen Elemente so bekannt vor. Sie wecken Erinnerungen in uns - und wenn nicht klar sagbare, dann zumindest doch in der Art von Gefühlen wie Wärme, Geborgenheit, Frieden, Sicherheit. Einige dieser geometrische Figuren, Gesichter, Farben haben seit Alters her und durch sämtliche Kulturen hindurch von der ihnen zugeschriebenen Bedeutung gelebt. Nur so haben sie überlebt. Und wenn wir einmal davon ausgehen, das dem Menschen nichts verloren gehen kann. Kein Wissen, keine Fertigkeit, kein Gefühl einmal erfahren oder erworben lässt sich wieder vergessen machen. Verdrängen? - ja, verhindern? - auch, aber vergessen? - nein! Darauf zielen die Bilder und Videos von Myriam Thyes, auf den Zusammenhang, das Nicht-vergessen-werden-können.

Stefan Skowron, Aachen, 2003

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