Dialog der Kulturen - Ungesehenes in den Bildern von Myriam Thyes

DIALOG DER KULTUREN

Dr. Vanessa Joan Müller, in: k + m, 1999

Bilder afrikanischer Plastiken, die durch digitalisierte Architekturszenarien schweben, oder archaische Figurenkonstellationen in poppigem Pathos - für Myriam Thyes sind das keine Widersprüche, sondern produktive Allianzen. Die 1963 geborene Künstlerin malt auf Leinwand ebenso wie am Computerbildschirm, und auch Video und Fotografie sind für sie gleichberechtigte Partner in puncto Bilderzeugung. Grenzübergreifend ist ihre Kunst aber nicht nur in bezug auf Material und Technik, sondern auch, was die Kulturen mit ihren ideologisch aufgeladenen Bildarchiven betrifft. Ihre Arbeiten integrieren sich in die zeitgenössische mediale Welt, um in eine archetypische Sphäre zu übersetzen, was als grundlegendes Ausdruckspotential schon immer vorhanden scheint. Resultat dieses computergesteuerten Crossover sind utopische Szenarien, in denen sich die Bilder von heute mit dem übergreifenden Zeithorizont des Mythischen verbinden.

Jenseits des visuellen Oberflächenreizes geht es Thyes vor allem darum, jene kulturell codierten Inhalte freizulegen, die sich hinter der Hochglanzästhetik der so vertrauten Bilder geschickt verbergen. In der Serie 'SARAH' (1995) hat sie beispielsweise 50 Videostandfotos aus dem Schwarzenegger-Film 'Terminator 2' neu montiert: Emotional expressive Großaufnahmen der Protagonistin treffen in scharfem Schnitt auf den sich verflüssigenden Körper des "Terminators". So wie das personifizierte Böse aus dem Cyberlabor seinen Aggregatzustand ändert, wechselt in den Szenen mit Sarah als Retterin der Menschheit die Chromatik des Films in einer Farbskala von kaltem Blau zu warmem Orange: Christliche Erlösungsmetaphorik als technoide Science-Fiction-Vision.

Das Konstante in der Kultur auf sinnlich sinnfällige Weise zu inszenieren, darum geht es auch in Thyes' Arbeiten zur Architektur. Moderne Hochhäuser figurieren hier als Repräsentationsobjekt und gebaute Ideologie, eine auf geometrische Raster reduzierte Fläche, die sich dem Betrachter als undurchdringbare Hülle präsentiert. Ihre Fotografien markanter Bauten aus dem Pariser Stadtteil 'La Défense' zeigen diese als spiegelnde Fassade, der sie fragile Zeichnungen einschreibt als Begegnung von meist afrikanischen Göttinnen und maskulin konnotierter Prestigearchitektur: Archaik trifft Moderne.

Ihre Fotoübermalungen ('Les Défenses', 1996-99) wie auch ihre Computer-Arbeiten ermöglichen so den imaginären Dialog der Kulturen: zwischen Skulpturen aus ehemaligen Kolonialgebieten und jenen futuristischen Phantasien, die sich ganz eurozentristisch als "International Style" zu profilieren suchen. Die fiktiv in die Gebäude, insbesondere die 'Grande Arche de la Fraternité', eingeblendeten Figuren und Masken verbinden Gegensätzliches, ohne Unterschiede zu nivellieren. Diese Begegnung verschiedener ästhetiken mit ihrem jeweiligen weltanschaulichen Kontext reflektiert auch die Technik. So wie sich Architektur und Gestalten in ungewohnter Leichtigkeit aktivieren und ganz neue optische Bezugssysteme aufbauen, werden Fotografie und Zeichnung als fruchtbarer Gegensatz inszeniert. Und auch die Rasterung der verspiegelten Fensterfronten korrespondiert perfekt mit dem reduktionistischen Zeichenmodus der direkt am Computer entstehenden Masken und Skulpturen, die sich transparent der architektonischen Hintergrundfolie einschreiben.

Noch intensiviert wird dieses Spiel der Differenz in 'Petites Permissions (à la Défense)', einem Video, in dem Thyes ihre eigenen Zeichnungen und Fotografien am Computer animiert und zu einer Art Trickfilm arrangiert hat, in dem Gebäude und Figur spielerisch interagieren. Aufbauend auf diese Arbeiten entstehen neuerdings auch Graphiken, in denen sich verschiedene Ansichten des Pariser Stadtteils zu fiktiven Architekturen formieren und - PhotoShop macht's möglich - Bestehendes eine pointierte Verfremdung erfährt.

Um Kultur und Kunst im Zeitalter technischer Reproduktion geht es auch in der 'Ost-West-Zwiesprache' (1999) betitelten Serie von Fotocollagen. Hier sind es Heiligenstatuen des Hinduismus und des Christentums, die sich gegenübertreten und Differenzen und ähnlichkeiten ästhetisch wie gestisch erkunden. Auf einer dreimonatigen Reise nach Bangladesch hat Thyes zahlreiche Videos gedreht, die zum Teil das Material für einen Dokumentarfilm lieferten. Die gefilmten Ansichten der Statuen jedoch hat sie als Filmstills fixiert, die wiederum als Material für Collagen dienen, in denen die Statuen der Hindu-Göttinnen Kali und Durga aus Bangla-desch in Kontakt treten zu einer christlichen Heiligenfigur aus dem Dom von Antwerpen. Auch hier dominiert das Spiel der Gegensätze als sukzessive Aufhebung von Grenzen: Die Farbigkeit der indischen Göttinnen kontrastiert mit dem kühlen Stein der westlichen Statue, doch die expressiven Gebärden künden von einer kulturübergreifenden Sprache nonverbaler Gestik. Thyes fragmentarisiert verschiedene Ansichten und fügt Ost und West zusammen - nicht als Kontrastmontage, sondern als dynamisches Gegen- und Miteinander von Händen und Gewandfalten, das optische Schnittstellen weniger als Grenze denn als filmische überblendung erscheinen läßt.

Doch am Ende ordnen sich solche cineastischen Referenzen immer der Gesamtkomposition unter, die einem Denken in graphischen Kategorien verpflichtet ist. Letztlich kommt Myriam Thyes von der Malerei her, die sie parallel zu ihren anderen Projekten stets weiter verfolgt.

In ihrer Serie der 'Beziehungs-Muster' (seit 1995) variiert sie in klassischer Acryl-Malerei elementare Formen, die nicht nur in bezug auf die symmetrische Geometrie der Formen und Farben auf dem Prinzip des harmonischen Gegensatzes beruhen: männlich - weiblich, Kreis und Quadrat, schwarz und weiß. Neben der Figur des Kreuzes, die Gegensätzliches vereint, steht die Variation des Yin-Yang-Symbols oder das zum Piktogramm reduzierte Paar. Auch das geometrisch abstrakte Prinzip dieser Bilder in seiner Verbindung mit der menschlichen Figur findet Bezugspunkte in fast allen Kulturen der Welt. Die pop-moderne Ausformulierung des universellen Beziehungsmusters als grundlegende Sehnsucht nach Harmonie jedoch verortet sich ganz souverän und selbstbewusst im Jetzt.

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