Christoph KivelitzMALTA ALS METAPHER. Fotografie und Videoinstallation

Auszug aus der Rede von Dr. Christoph Kivelitz zur Eröffnung der Ausstellung von Myriam Thyes im Kunstverein Bochumer Kulturrat, Bochum, November 2010.

Im Gedenken an den engagierten Kunsthistoriker und Kurator Christoph Kivelitz, der im April 2011 viel zu früh verstorben ist.


Der Kulturkritiker Otto Karl Werckmeister hat für die moderne Industriegesellschaft den Begriff der Zitadellenkultur geprägt. Dabei versteht er das Wort Zitadelle als Metapher für eine Gesellschaft, deren künstlerische und intellektuelle Erfolgskultur durch eine stetige Abfolge von Krisen bestimmt ist. (...) Sicherheit – das Schlüsselwort der Zitadellengesellschaft.

Mit ihrer Videoinstallation 'Malta as Metaphor' und dem danach entstandenen fotografischen Zyklus 'Magnify Malta' findet die Medienkünstlerin Myriam Thyes ein Bild für die psychosoziale Verfasstheit der modernen Industriegesellschaft, so wie sie von Werckmeister in diesem Essay analysiert worden ist. Die Videoinstallation lässt den Betrachter vollständig in einen Kosmos aus Bildern und Klängen eintauchen. Die Präsentation als den Betrachter umfassendes Achteckpanorama, hier auf eine vierteilige Projektion reduziert, stellt diesen mitten in ein Zeiten und Räume durchdringendes, pulsierendes Geschehen. Aufnahmen aus der heutigen Realität, während eines mehrwöchigen Aufenthalts von Myriam Thyes auf Malta entstanden, werden durch einmontierte Symbolzeichen und historische Versatzstücke verfremdet und verschmelzen mit der historischen Dimension dieses für Europa bedeutsamen Ortes.

Dabei wird der Bilderfluss durch immer wiederkehrende Motive strukturiert und semantisch aufgeladen. Hierzu gehört das Symbol des Schiffes, das in unterschiedlicher Gestalt den Blick des Betrachters durch die auf ihn einströmenden Bilder geleitet und rhythmisiert. Zeitgenössische Passagierdampfer stehen neben Kriegsschiffen aus dem Zweiten Weltkrieg und zeichenhaft eingebrachten Galeeren aus der Epoche der Sklaverei. Das Symbol des Malteserordens verschränkt die politische Bedeutung mit der religiösen Geschichte der Insel, die bis in die Gegenwart durch einen tiefen Katholizismus geprägt ist. Hierfür stehen auch die in Alltagsmomente wie selbstverständlich eingefügten Heiligenfiguren oder auch die schemenhaft an einer Fassade aufwachsende Gestalt des Todes.

Die Motive der Bewegung und des Glaubens werden des Weiteren aufgenommen durch die im Video vor Augen geführte Prozession, die Geschichte und Gegenwart in der Eindringlichkeit von Klang und Bild ineinander aufgehen lässt. Die Tiefe und Unerschütterlichkeit des Glaubens gewinnt die Qualität eines Beschwörungsrituals, das den Betrachter mit allen Sinnen gefangen nimmt und ihn gleichzeitig als nicht beteiligt ausgrenzt. Das Militärische in der Musik zu den Prozessionen erinnert aber auch an Feldzüge und Kreuzfahrten, die in der Verschränkung von Glauben und Macht ihren Ursprung finden.

Insbesondere die Fotografien fokussieren immer wieder Felsen, Burgen, Einzäunungen oder wie Wände aufwachsende Stadtsilhouetten, die labyrinthisch ineinander verkeilt sind. Es vermittelt sich ein Eindruck von Dichte und extremer Ausnutzung der nur beschränkt verfügbaren Bauflächen. Daraus entsteht ein Gefühl von Enge und bedrängender Fülle. Wie ein Wall ragt die Insel aus dem Mittelmeer hervor, um die eigene Macht und Stärke stolz zur Schau zu stellen. Es ist ein Gestus des Willkommens, aber auch gleichzeitig ein Motiv der Einschüchterung und der Abwehr nicht gewünschter Reisender. Diese Ambivalenz von Aufnahme und Verweigerung, Defensive und Aggression verstärkt sich bei detaillierter Betrachtung der einzelnen Architekturen. Prachtvolle Repräsentationsbauten stehen neben Ruinen aus Geschichte und Gegenwart, die den ökonomischen und kulturellen Aufschwung und Niedergang der Insel durch die verschiedenen Epochen belegen. Niemals vollendete Spekulationsobjekte stehen für die Schnelllebigkeit und Oberflächigkeit gegenwärtigen Profitstrebens, das auch in der Dichte des Verkehrs anschaulich wird.

Ein weiteres Schlüsselmotiv ist das Flüchtlingslager, dessen Zeltstädte in ihrer Schutzlosigkeit und ephemeren Erscheinung den mächtigen Architekten der Insel gegenüber stehen. Sichtbar wird eine Kontinuität in der Geschichte von Ausbeutung und Unterdrückung ausgehend von den Galeerenschiffen des Johanniterordens bis hin zu den hier eingepferchten und in der Trutzburg Europa Zuflucht suchenden Menschen.

So zielt Thyes mit ihrer Recherche zu den Inseln Malta und Gozo nicht nur auf die Darstellung der gebrochenen Geschichte Europas, sondern darüber hinaus auf eine psychosoziale Befindlichkeit, die heute noch unser Selbstempfinden als Europäer bestimmt und die Werckmeister treffend im Begriff der Zitadellenkultur umschrieben hat.

Bazon Brock hat in einem Text zu Werckmeister herausgestellt, dass die Unterscheidung von Schaffen und Zerstören, von Aggression und Verteidigung, von Neuem und Altem, von Krisenbeschwörung und Konsensbegründung in der Zitadellenkultur beliebig und austauschbar sein muss. Das Ausmachen von Differenzen wird erst möglich und bedeutsam, wenn im zivilisatorischen Raum auf der Ebene von gleichzeitiger Gegenwart der Vergangenheiten und Zukünfte überall und egalitär Position bezogen werden kann, ohne dass die hieraus formulierten Differenzen in Beliebigkeit und Wirkungslosigkeit verdampfen. Das schließlich heißt, Verantwortung zu übernehmen und Veränderungen zu akzeptieren bzw. einzufordern.

Indem Myriam Thyes in ihrer Video- und Fotoarbeit Zeit- und Symbolebenen in dieser Weise komplex ineinander verschränkt und kausal verknüpft, nimmt sie eine solche Haltung der Verantwortung ein.

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download text Artikel in der WAZ Bochum, Nov. 2010

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